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Die Kirchentonleitern - Die Skalen des ionischen Systems

Hier gäbe es nun einige Themen zur Einleitung, meist wird über mehrere Seiten die historische Entstehung beschrieben. Darauf möchte ich hier verzichten, das kann in jedem besseren Harmonielehrebuch nachgelesen werden.

Ich möchte aber betonen, daß die Kirchentonleitern eine sehr wichtige Sache sind. Auch wenn der Name etwas irreleitend klingt, es hat nichts mit Kirchenmusik zu tun (wenngleich die Tonleitern auch hier angewandt werden ;-)

Die Kirchentonleitern sind die Grundlage fast aller Skalen (eng: scales), also der verschiedenen Tonleitern. Hier kommen wir auch mit den ersten Moll-Tonleitern in Berührung.

Der einfachste Weg um die Kirchentonleitern zu verstehen führt über die Stammtonreihe. Wir erinnern uns, das sind die weißen Tasten am Klavier und wie wir bislang gelernt haben, entspricht das der C-Dur-Tonleiter. Ist ja soweit ganz richtig, solange wir davon ausgehen, daß die abgeleitete Tonleiter auch mit C beginnt.

Was aber, wenn wir die Tonleiter mit dem D beginnen und wieder sieben (Stamm-)töne aufwärts zählen?

Die Stammtonreihe ist die Basis der Kirchentonleitern 

Wir erhalten wieder eine Tonleiter, bestehend aus Halb- und Ganztonschritten. Aber es ist nicht die D-Dur-Tonleiter, die bräuchte ja ein Fis und ein Cis.

Nun können wir das für den nächsten Ton, das E, wiederholen, und so weiter, bis wir beim H angelangt sind.

Die Halbtonschritte der Kirchentonleitern (des ionischen Systems):

So ergeben sich 7 verschiedene Tonleitern, hier eine Übersicht. Die Namen stammen aus dem Griechischen, anfangs findest Du das sicher etwas komisch, aber die Namen sind durchaus gebräuchlich und ich wüßte auch keine anderen (außer den englischen Übersetzungen). Ich empfehle sie einfach auswendig zu lernen.

Übersicht über die Kirchentonleitern
Skala (Tonleiter) Halbtonschritt 1 Halbtonschritt 2 Charakter Akkord
C ionisch E - F
3. / 4.
H - C
7. / 8.
Dur Cmaj7
D dorisch E - F
2. / 3.
H - C
6. / 7.
Moll D-7
E phrygisch E - F
1. / 2.
H - C
5. / 6.
Moll E-7
F lydisch H - C
4. / 5.
E - F
7. / 8.
Dur Fmaj7
G mixolydisch H - C
3. / 4.
E - F
6. / 7.
Dur G7
A äölisch H - C
2. / 3.
E - F
5. / 6.
Moll A-7
H lokrisch H - C
1. / 2.
E - F
4. / 5.
halbvermindert H-7/b5

So, da stecken ordentlich Informationen in der Tabelle. Besonderes Augenmerk verdienen die Halbtonschritte der Tonleitern. Da wir die Töne alle nur aus der Stammtonreihe entnommen haben, sind die Halbtonschritte in jeder Tonleiter zwischen den gleichen beiden Noten, nämlich E - F und H - C.

Was die Tonleitern unterschiedlich macht, ist die Position der Halbtonschritte. Je nachdem, ob sich eine kleine oder eine große Terz ergibt, erhalten wir eine Dur- oder Moll-Tonleiter.

Die Ausnahme ist H lokrisch, da haben wir zusätzlich zur Moll-Terz noch eine verminderte Quinte, deshalb der halbverminderte Charakter.

Die Intervalle der Kirchentonleitern (des ionischen Systems)

Es lohnt sich auch die einzelnen Intervalle anzusehen. Es hilft beim Lernen der Tonleiterstrukturen, sie lassen sich so viel leichter merken.

Die Intervalle der Kirchentonleitern
Skala (Tonleiter) Sekunde Terz Quarte Quinte Sexte Septime Akkord
C ionisch gr. 2 gr. 3 r. 4 r. 5 gr. 6 gr. 7 Cmaj7
D dorisch gr. 2 kl. 3 r. 4 r. 5 gr. 6 kl. 7 D-7
E phrygisch kl. 2 kl. 3 r. 4 r. 5 kl. 6 kl. 7 E-7
F lydisch gr. 2 gr. 3 üb. 4 r. 5 gr. 6 gr. 7 Fmaj7
G mixolydisch gr. 2 gr. 3 r. 4 r. 5 gr. 6 kl. 7 G7
A äölisch gr. 2 kl. 3 r. 4 r. 5 kl. 6 kl. 7 A-7
H lokrisch kl. 2 kl. 3 r. 4 verm. 5 kl. 6 kl. 7 H-7/b5

Legende:
(kl. = klein, gr. = groß, üb. = übermäßig, verm. = vermindert, 2 - 7 = Intervalle Sekunde bis Septime)

Betrachten wir nur die Terzen, Quinten und Septimen, so ergeben sich bekannte Akkorde.
Hier sind unsere alten Bekannten wieder, die Stufenvierklänge! Juhuu!

Es gibt nur vier unterschiedliche Akkordtypen innerhalb der Dur-Stufenvierklänge, aber sieben Skalen dazu. Das heißt, über manche Akkorde kann man verschiedene Skalen spielen.

  • maj7 - ionisch, lydisch
  • m7 - dorisch, phrygisch, äolisch
  • V7 - mixolydisch
  • m7/b5 - lokrisch

Natürlich kommt es auch auf den harmonischen Zusammenhang an, ob eine Skala geeignet ist. Aber für's Erste wäre das schon mal eine Übung, über die Akkorde mit den verschiedenen Skalen zu improvisieren.

Die Halbtonverwandtschaften innerhalb der Kirchentonleitern (des ionischen Systems)

Betrachten wir nur die Intervalle der Kirchentonleitern, so stellen wir fest, daß eine Skala immer zwei "Nachbarn" hat, die sich nur um einen Halbton unterscheiden. Das erkennt man wesentlich besser, wenn man alle Kirchentonleitern vom gleichen Grundton aus betrachtet.

Hier am Beispiel C, nach Verwandtschaft sortiert:

Die Intervalle der Kirchentonleitern
Skala (Tonleiter) Sekunde Terz Quarte Quinte Sexte Septime Akkord
C lydisch gr. 2 gr. 3 üb. 4 r. 5 gr. 6 gr. 7 Cmaj7
C ionisch gr. 2 gr. 3 r. 4 r. 5 gr. 6 gr. 7 Cmaj7
C mixolydisch gr. 2 gr. 3 r. 4 r. 5 gr. 6 kl. 7 C7
C dorisch gr. 2 kl. 3 r. 4 r. 5 gr. 6 kl. 7 C-7
C äolisch gr. 2 kl. 3 r. 4 r. 5 kl. 6 kl. 7 C-7
C phrygisch kl. 2 kl. 3 r. 4 r. 5 kl. 6 kl. 7 C-7
C lokrisch kl. 2 kl. 3 r. 4 verm. 5 kl. 6 kl. 7 C-7/b5
Tonartwechsel, evtl. enharmonische Verwechslung einzelner Töne
H lydisch gr. 2 gr. 3 üb. 4 r. 5 gr. 6 gr. 7 Bmaj7
... und so weiter ... ... ... ... ... ... ... .

Das ergibt auch eine schöne Übung für unser Instrument: Die Tonleitern z.B. im viertaktigem Wechsel spielen, von oben nach unten, also von C-lydisch bis C-lokrisch, es ändert sich jeweils nur ein Halbtonschritt in der Skala.
Dann geht's weiter mit H lydisch, auch hier ist nur ein Halbtonschritt gegenüber C lokrisch verändert, diesmal aber der Grundton. Deshalb müssen diverse Töne enharmonisch verwechselt werden und dadurch ergeben sich natürlich andere Intervallbezeichnungen.

Die "avoid notes"

Nun noch ein paar Takte zu den verbotenen Tönen, in gängigen Werken auch als avoid notes bezeichnet.

Ich finde, keiner hat das Recht irgendwelche Noten zu verbieten. Deshalb Freiheit für alle Noten, ich spiel was ICH will. Hahaha!!!

Nein, im Ernst, manche Noten hören sich über einen Akkord gespielt recht bedient (dissonant) an und sind im Normalfall zu vermeiden. Außer es ist eben gewollt, mal richtig schräg zu spielen ;-)

Am Besten, Du findest das für dich selbst raus. Hier der Vollständigkeit halber eine Übersicht über die avoid notes. Meine persönlichen Anmerkungen konnte ich mir nicht verkneifen.

Die "avoid notes"
Skala (Tonleiter) avoid notes meine persönlichen avoid notes
ionisch reine Quarte reine Quarte
dorisch große Sexte keine
phrygisch kleine Sekunde, kleine Sexte keine
lydisch keine keine
mixolydisch reine Quarte reine Quarte
äolisch kleine Sexte keine
lokrisch kleine Sekunde keine

Wie Du siehst, ich selbst sehe das etwas lockerer. Die Quarte über einen maj7 klingt wirklich gräßlich, aber eine kleine Sexte über einen Moll-Akkord hört sich für mich wunderbar an.

Also bitte, einfach selbst am Instrument ausprobieren. Das ist sehr wichtig, denn mit den Kirchentonleitern läßt sich schon richtig schön improvisieren.

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